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Nikolaus vor 50 Jahren

Der Nikolaus ist da

Das kennen einige von Ihnen auch noch: Sobald es dunkel wurde, saßen wir als Kinder am 5. Dezember frühabends beisammen. Auch vor 50 Jahren warteten wir auf den Nikolaus. Wenn er dann wirklich an der Tür läutete, zuckten wir alle zusammen…

Die Szene oben spielte sich am 5.12.1972 im Wohnzimmer einer Nachbarsfamilie ab. Der Einfachheit halber hatten meine Eltern und ihre Freunde beschlossen, den Nikolaus doch gleich zu mehreren Kindern im Haus zu bestellen. Und er kam dann auch. Der coole Mann rechts im Bild ist unser Vermieter. Er hält ein Mikrofon in der Hand und hat das alles dokumentiert.

Es waren genau 19 Stufen bis zum Ort des Geschehens. Nikolaus stieg langsam hinauf. Bei jedem Schritt knarzte die alte Treppe laut hörbar und ließ unseren Puls immer noch etwas höher schlagen. Dann klopfte es leise, aber bestimmt. Dem Nikolaus wurde aufgetan und ein roter Umhang schob sich in die Türe. Den goldenen Bischofstab führte er an seinem strahlend hellen, rechten  Arm einen Schritt voraus. Dumpf dröhnte es, wenn er den Stab auf dem Linoleumboden aufsetzte. Seine Mitra war so hoch, daß er sich beim Hineingehen bücken mußte. Seine pechschwarzen Stiefel fanden geradezu wie von selbst den Weg ins Wohnzimmer. Wir Kinder waren absolut sicher, daß er sich im Haus auskannte, so zielgerichtet wie er auf uns zukam. Er stellte den Stab an die Wand und begrüßte uns freundlich, aber bestimmt, mit fester Stimme. Der tiefschwarz gekleidete Knecht mit der Rute, hinter ihm, mit dunklem Strumpf und Sturmhaube über dem Kopf, verhieß allerdings gar nichts Gutes.

Heute wie vor 50 Jahren: Beeindruckend…

Wir Kinder sanken immer tiefer in die Sofakissen und versteckten uns so gut es eben ging hinter unseren Müttern. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Nikolaus trug lange, weiße Handschuhe und einen riesigen, schwarzen Ring an einem Finger seiner rechten Hand. Mit weit geöffneten Augen musterten wir den großen, alten Mann in seinem purpurfarbenen Mantel, unter dem er ein weißes Untergewand trug. Seine tiefschwarze und absolut undurchsichtige Brille flößte Respekt ein. Hinter dem langen, weißen Bart und den buschigen Augenbrauen war keinerlei Minenspiel zu erkennen. Wir waren gebannt. Niemand wagte es zu atmen.

Unsicher warteten wir auf die Leviten, die er uns auch bald las. Unterstrichen von diversen Rutenschlägen dieses fiesen Ruprecht. Die nackte Angst kam über uns, begleitet von der absoluten Gewißheit, daß in dem Kopfkissenbezug, der dem Nikolaus vor 50 Jahren als Sack diente, sicher nichts für uns drin war! Wann war das endlich vorbei? Würde es ein Happy End geben?! Ja, gab es dann, nach quälend langen Momenten. Ich durfte mich über einen Fußball freuen!

Die Eltern lachten sich eins und freuten sich wie Bolle. Immerhin war es gelungen, die aufsässigen Kinder mal so richtig zu beeindrucken. Sicherlich hofften sie auch, daß sie nun für ein ganzes Jahr Ruhe hatten – und wenn nicht, wäre ja auch im Folgejahr wieder Nikolaus gewesen. – Erst viel später habe ich erfahren daß in dem Gewand mein Friseur steckte, ein junger Kerl in seinen 20ern. Die Brille hatte er wohl beim abendlichen Poker mit Heino im Elsper Saloon gewonnen… . Na warte Elmar!

50 Jahre später

Ich denke gerade drüber nach, wie sich meine Begegnung mit dem Nikolaus heute abspielen würde.

Vielleicht würde ich ihn überaschen, statt wie vor 50 Jahren auf den Nikolaus zu warten. An der Haustüre, wie er gerade das Klingelschild studiert. Ich würde den türkischen Opa flugs über die Schwelle nach innen schubsen und ihn zum Selfie bitten.

Sicher würde ich ein paar Worte mit ihm wechseln. Ich würde zum Beispiel gerne wissen, wie das damals wirklich war mit den Geschenken. Nikolaus war ja ein reicher Erbe und half einer armen Familie mit drei vergoldeten Äpfeln. Später wurde er zum Bischof von Myra gewählt. Die katholische Kirche hat ihn heilig gesprochen. St. Nikolaus symbolisiert Werte wie Altruismus, Rücksicht und Ehrlichkeit. Werte, die auch für mich persönlich wichtig sind und zu den Grundprinzipien meiner Gewerbstätigkeit zählen. Sicher könnte ich noch etwas von ihm lernen.

Ich würde mir wünschen, er hätte auch heute wieder ein kleines Geschenk für mich dabei. Ein paar Mokkatassen fehlen mir noch. Vielleicht zeigt er mir bei der Gelegenheit ja auch, wie man echten, türkischen Mokka richtig zubereitet. Ich weiß leider nur, daß sehr fein gemahlener Kaffee mit Zucker oder Gewürzen wie Kardamom, Zimt oder Gewürznelken über eine längere Zeit in einer langstieligen Kanne erhitzt und anschließend mit dem Kaffeesatz ausgegossen wird. Aber gemacht habe ich das auch noch nie.

Ob er Mokkatassen dabei hätte? Wäre ja zu schön. Für den Anfang wäre ich aber auch mit zwei dickwandigen Espressogläsern einverstanden, damit ich mir die Finger nicht verbrenne, wenn die schon keinen Henkel haben.

Bildquellen

  • Nikolaus: Privatarchiv

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